Der achte Tag, ein Bloqueobericht

Es ist ein schwarzer Tag für Camiri! Die Verhandlungen wurden am Nachmittag für gescheitert erklärt. Nun ist das Eingetreten womit keiner gehofft hat, es ist alles wieder offen aber soviel ist klar die Proteste werden so lange weitergehen bis Evo Morales der Präsident von Camiri höchst persönlich nach Camiri kommt.

IMG_2137.jpgSeit dem Morgen haben sich ca. 12.000 Menschen laut Medienberichten am YPFB Denkmal getroffen (ist leider auf den Fotos und den Videos, nicht zu erkennen, da ich aus einem ungünstigen, aber sicheren Blickwickel fotografiert bzw. gefilmt habe) um zu protestieren, seit einer Woche sind sie nun mehr oder weniger aktiv im Bloqueo, seit sechs Tagen gibt es in Camiri Gespräche mit den Ministern, die Demonstration war eigentlich dazu gedacht, ein wenig Druck auf die festgefahren Gespräche auszuüben. Schon am Morgen war die Situation sehr aggressiv und voller Verzweiflung geprägt. Es wurden zum Beispiel alle Namen derer verlesen, die bei der bisher einwöchigen Blockade verletzt wurden, die Zahl liegt zu der Zeit bei 48, die meisten von denen habenIMG_2140.jpg Schlussverletzungen. Als dann am Nachmittag bekannt wurde, dass die Gespräche nun endgültig gescheitert sind, rutschte schlagartig die sowie so schon schlechte Stimmung noch weiter ab. Neben der Drohung im Notfall die Proteste solange weiter zu führen bis der Präsident nach Camiri reist wurden auch wie im letzten Jahr von Besetzungen der Gas und Öl Stationen der privaten Unternehmen laut. Weiterhin wurden immer mehr Stimmen laut, den Bürgermeister abzusetzen, da er sich nicht um seine Einwohner kümmert. Auch die Stimmung der Transportistas1 ist auf den Nullpunkt und füllt sich von der Gesamten bolivianischen Regierung verschaukelt. Heute ist zwar der Gesundheitsminister eingetroffen, aber ohne, dass er gehandelt zu hat, ist er mit seinem Ministerkollegen nach La Paz zurückgekehrt, die Situation ist also unverändert.

Die Geschichte bzw. das Problem mit Evo Morales ist schon alt, aber ich möchte nun die Situation nutzen um sie zu erläutern.

1935 wurde die YPFB2 gegründet. Das Unternehmen war sehr produktiv und hat im Jahr 1978 ca. 7.000 Arbeiter in Camiri beschäftigt.

IMG_2143.jpgIm Jahr 1997 hat der damalige Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada3, ein Gutachten über die Produktivität und Wirtschaftlichkeit des Unternehmens in Auftrag gegeben. Das Ergebnis, das Unternehmen sei nicht produktiv und sehr defizitär. Daruf hin liess er das Unternehmen wegen der Unwirtschaftlichkeit zu schließen. Fast genau einen Monat danach, kamen privaten Unternehmen in das Land und übernahmen die alten YPFB Anlagen. Diesen besagten Unternehmen, die bis heute noch aktiv in der Umgebung von Camiri, nach Öl und Gas bohren bzw. fördern sind Petrobras4, Shell5, Raipsol6, Texan7. Alle früheren Arbeiter der YPFB wurden erst gar nicht von diesen Unternehmen eingestellt bzw. sofort gefeuert.

IMG_2149.jpg2006 kommt nun Evo Morales ins Spiel, bei deiner Wahlkampftour durch das gesamte Land, kam er auch nach Camiri und versprach den Menschen dort, das er die Öl- und Gasförderung wieder verstaatlichen möchte und somit für Camiri wieder mindestens 7.000 Arbeitsplätze schaffen möchte. Dieses ist bis März 2007 noch nicht geschehen, damals haben die Einwohner schon einmal Protestiert bzw. eine fünftägige Blockade errichtet. In diesem Zuge wurde auch eine private Gasförderstation von einem Universitätsprofessor und seinen Studenten besetzt, diese hat das Militär recht schnell unter Anwendung von Gewalt beendet, einen Artikel vom letzten Jahr auf spanisch finden sie hier.

Kurz danach, hat Evo Morales per Telefon angekündigt, so schnell wie möglich sein Wahlkampfversprechen für Camiri durchzusetzen, die Einwohner haben ihm damals geglaubt und noch am selben Abend die Blockade aufgelöst.

IMG_2155.jpgNun sind wir im Monat März 2008, ein ganze Jahr ist vergangen und passiert ist bis heute nichts. Es ist sehr verständlich, dass die Einwohner eine große Wut auf ihren Präsidenten haben. Auch in vielen anderen Bereichen steht er zur Zeit nicht in einem guten Licht.

Selbst viele in seiner Partei haben mittlerweile eine Abneigung gegen ihren Chef, da er z.B. auf eigene Faust zwei Erlässe im Senat durchgebracht hat, die, nicht gerade die bolivianische Wirtschaft ankurbeln, der erste Erlass besagt, dass kein bolivianisches Sojaöl mehr das Land verlassen darf, es also nicht mehr exportiert werden darf, der zweite Erlass besagt das selbe aber betrifft den Gas- und Erdölsektor.Diese beiden Erzeugnisse sind die Hauptexportartikel von Bolivien.

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Ausschnitt von der Kundgebung bevor die schlechte Nachricht bekannt war.

Um noch einmal auf Camiri zurück zukommen, die Blockade geht nicht spurlos an dem Land vorbei, sondern trifft die gesamte bolivianische Wirtschaft empfindlich, den jeder weitere Tag wo in Camiri blockiert wird, kostet ungefähr drei Millionen Us-Doller. Wobei 75% des Betrages auf die Speditionen zurück zuführen sind, da sie ihre Waren, wie z.B. Fleisch, Gemüse, Früchte aber auch Diesel und Benzin nicht ausliefern können. Die restlichen 25% ist er Verlust, der in der Stadt eingefahren wird, da die gesamte Wirtschaft zur Zeit durch die Blockade, wie schon berichtet am Boden liegt.

Für Camiri sind diese Arbeitsplätze sehr wichtig, wobei mittlerweile nicht mehr von 7.000 gesprochen wird sonder „nur“ noch von 800 – 1.000, da seit dem Zusammenbruch der YPFB die Arbeitslosenquote in Camiri bei 56% liegt, zum Vergleich in Bolivien liegt der Durchschnitt zur Zeit bei 28%, weiterhin ist die Inflation ist vom Jahr 2007 auf 2008 um 17% gestiegen.

In der Zeit wo Camiri noch mit der YPFB erfolgreich produziert hat lag die Einwohnerzahl bei ca. 120.000, heute im Jahr 2008 sind es nur noch 28.000, da viele Familien bzw. Universitätsabsolventen die Stadt wegen dem Mangel an Arbeitsplätzen verlassen.

Das Problem nun ist, dass Evo Morales nicht so schnell nach Camiri kommen wird, da er ohne jeden Witz um sein Leben fürchten muss, da er die Einwohner schon zweimal betrogen hat, die deswegen eine große Wut bzw. Hass auf ihn schüren.

IMG_2154.jpgAm Abend gab es heftige Ausschreitungen, als die Minister die Blockade passieren mussten um die Stadt zu verlassen, es flogen Flaschen, Steine, Eier, Tomaten oder was sonst noch herrum lag. Das Militär hat mit Tränengas und Gummigeschossen geantwortet. Die Ausschreitungen, dauern bis zur Zeit noch an, auch hat das Militär angekündigt, nun viel härter vorzugehen, da keine Gespräche mehr stattfinden, ein Zitat von einem Hauptmann aus Santa Cruz war, „nun ist die Diplomatie am Ende, ab jetzt muss es andere Wege geben“

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Kurz nach der Bekanntgabe, dass die Verhandlungen gescheitert sind

Camiri stehen nun wirklich harte Tage bevor, und eine Lösung ist zur Zeit nicht sichtbar.

IMG_2159.jpgIch habe heute die Chance genutzt und mit einem bekannten Buchautor aus Camiri gesprochen, der eine ein Buch über die Historie über Camiri geschrieben hat. Er hat mir viele offene Fragen beantworten können, dadurch sind mir viele Zusammenhänge klarer geworden, viele der Daten und Fakten, die ich hier beschrieben habe, stammen aus seinem Buch, welches ich im Anschluss an das Gespräch als handsignierte Fassung geschenkt bekommen habe. Das Buch ist leider nur in Bolivien zu erwerben, der Autor heißt: Cesar Henry Romero Gutierrez

Alle gesammelten Fotos von dem Bloqueo finden sie hier

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  1. Fernfahrer
  2. Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos
  3. 1931*, Präsident von Bolivin vom 6. Aug. 1993 bis 6. Aug. 1997
  4. brasilianisches Unternehmen
  5. britsches Unternehmen
  6. spanisches Unternehmen
  7. US Unternehmen

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